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Der große Stau – Moskau auf dem Weg zur Gigapolis

Ein Vortrag von Niko Rickert, Geschäftsführer des Moskauer Planungsbueros +aap, im Rahmen der dialog-Vortragsreihe „Gedanken über Russland

Das Wirtschaftswachstum in Russland ist ungebrochen. Das merkt auch die Baubranche in den russischen Großstädten – vor allem in Moskau. Nirgendwo in Europa wird derzeit so viel gebaut wie in der russischen Hauptstadt. Die Großprojekte sind gigantisch und verheißen den Baufirmen auch in den kommenden Jahren volle Auftragsbücher.

Niko Rickert während des Vortrags

Niko Rickert während des Vortrags

Mit gutem Grund ging die Leipziger Regionalgruppe von dialog e.V. davon aus, dass Moskaus rasanter Anschluss an die Liga solcher Mega‐Städte wie Mexico City, Sao Paulo, Tokio, Shanghai, Hongkong, New York viele Interessenten anziehen würde und lud am 5. Juni 2008 zu diesem Thema in die Leipziger Moritzbastei ein – im Rahmen unserer überaus erfolgreichen Vortragsreihe „Gedankenüber Russland“.

Als Referent konnten wir Dipl.Ing. Arch. Niko Rickert, Geschäftsführer des Moskauer Planungsbüros +aap und Gründer des Klubs deutscher Architekten und Ingenieure in Moskau, gewinnen. Seit 2003 ist der Hamburger dort bereits tätig – seit 2007 selbstständig – ausreichend lange, um als Stadtplaner und Bewohner der russischen Metropole die Pro und Contra der aktuellen Stadtentwicklung auf den Punkt zu bringen.

Neben den vielen erfreulichen Auswirkungen der regen Investitionstätigkeit – internationale Firmenzentralen wohin man sieht, übervolle Stadtkassen und ein hoher Lebensstandard vieler Moskauer – hat der Bauboom auch seine Schattenseiten.

Eines der Hauptprobleme sieht Rickert in der Infrastruktur, die dem Baugeschehen hoffnungslos hinterher galoppiert. Nach dem Motto: Erst wird gebaut, dann irgendwann erschlossen plagen sich die Bewohner mit unendlichen Staus, absurd überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln und unzulänglichen Anschlussmedien wie Strom, Abfallentsorgung und dergleichen herum. Neben dem Verlust an Lebensqualität für den einzelnen Bürger verursachen solche Versorgungsengpässe laut Rickert der Wirtschaft alljährliche Verluste von mehreren Milliarden Euro. Der große Bauhunger privater Investoren bedeutet auch ein Absinken der sozialen Komponente im Wohnungsbau, obgleich die Moskauer Stadtregierung einen Teil ihrer Überschüsse durchaus in den Bau von Wohnungen für Geringverdiener steckt.

Eigentlich bietet der Moskauer Generalbebauungsplan (von Rickert kurz „Genplan“ genannt) beste Möglichkeiten, um das Baugeschehen in geordnetere Bahnen zu lenken. In diesem Jahr aktualisiert, sieht der Genplan bis zum Jahre 2025 eine Vielzahl von Maßnahmen vor, um die vorhandenen Missstände zu revidieren und ein besseres Funktionieren der Stadt zu gewährleisten.

Blick in das Publikum während der Veranstaltung

Blick in das Publikum während der Veranstaltung

Eine Priorität ist beispielsweise das weitere Zusammenwachsen der infrastrukturellen Systeme der Stadt Moskau und des Moskauer Gebiets und zwar bezogen auf alle Verkehrsmittel – eine Anbindung die laut Rickert gegenwärtig fast gar nicht gegeben ist. Ferner sollen an den Schnittstellen der Stadtmagistrale innerhalb und außerhalb des äußeren Autobahnrings MKAD Multistadtzentrumsbildungen gefördert werden. Das Ziel: eine Aufwertung lokaler Zentren, um den Run auf die bisherige City zu verringern. Innerhalb des MKAD‐Rings sollen alte Industrieflächen durch Ansiedlung von Geschäfts‐ und Wohnzentren massiv umgenutzt und revitalisiert werden. Das Produktionsgeschehen hingegen soll in eigens dafür ausgewiesene Wirtschaftszonen ins Moskauer Gebiet verlagert werden. Als ein weiteres Beispiel aus dem Katalog sei noch die Verdichtung des Hochbaus entlang des neuen dritten und des gerade im Bau befindlichen vierten Stadtringes genannt – eine Maßnahme, welche die Stadtsilhouette wohl erheblich verändern wird.

Rickert ist sich sicher, dass der Moskauer Genplan im internationalen Vergleich von Metropolen dieser Größe auch schon vor der Novelle eines der durchdachtesten und besten Dokumente seiner Art ist. Leider wirkte er in der Vergangenheit aber lediglich regulierend, ohne ein juristisch bindendes Dokument zu sein. Die Folge: die löblichen Absichten wurden an allen Ecken und Enden ausgehebelt. Bei vielen Bauinvestitionsprojekten überbieten die Investoren einander in Willkür. Die Korruption tut ein Übriges, dass Entscheidungen oft genug eben gerade nicht zugunsten des Allgemeinwohls ausfallen.

Mit der Genplan‐Novelle 2008 könnte sich eine Wende zum Besseren abzeichnen: Aus dem „Genplan der [interpretatorischen] Möglichkeiten“ soll ein „Genplan der Notwendigkeit“, d.h. der juristischen Verbindlichkeit, werden, um den Bürger vor weiterem Wildwuchs des kommerziellen Immobilienwesens zu schützen. Den Alteingesessenen wie auch den reichlich aus dem In‐ und Ausland in die Stadt strömenden Neuankömmlingen wäre eine solche Verbesserung des Wohnwerts in dieser interessanten und vitalen Stadt sehr zu wünschen.

Niko Rickerts überaus interessanter und kurzweiliger Vortrag bot den Besuchern der voll besetzten Ratstonne eine Steilvorlage für rege Diskussionen. So wurde das von Rickert gezeichnete lebendige Bild der Stadt Moskau im Jahre 2008 durch vertiefende Nachfragen um interessante Nuancen bereichert. Auch weil viele der Gäste selbst schon einmal in Moskau gewesen waren oder möglicherweise in Bälde in die russische Hauptstadt reisen.

Materialien zum Download
Veranstaltungsbericht im Format PDF