Was fällt Ihnen spontan zu Russland und den Russen ein? Wodka, Baikalsee, Matrjoschka und Samowar? Oder goldbehangenen reiche Touristen in Pelzmänteln auf den Shopping‐Meilen dieser Welt? Oder doch eher Ostsee‐Pipeline, lukrative Aufträge für den deutschen Maschinenbau, Investitionen in deutschen Unternehmen?
Wenn es nach dem Durchschnittsdeutschen geht, lauten die Top‐Assoziationen in etwa so: großes weites Land – ausgestattet mit dem Rotem Platz, einem herausragenden Musik‐ und Kunstschaffen, reichen Bodenschätzen (vor allem Öl und Gas), das Ganze besiedelt von einer trinkfesten und gastfreundlichen Bevölkerung. So jedenfalls lauteten einige der meist genannten Antworten auf die Punkte, die im Rahmen zweier Studien des Meinungsforschungsinstituts forsa gemeinsam mit zahlreichen anderen Themen zu Russland und den deutsch‐russischen Beziehungen abgefragt wurden.
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Prof. Güllner während des Vortrags |
Die Essenz dieser beiden Studien stellte forsa‐Geschäftsführer Prof. Manfred Güllner am 18. November 2008 auf Einladung der dialog‐Regionalgruppe Leipzig in der Moritzbastei vor – im Rahmen der Vortragsreihe „Gedanken über Russland“, die dialog e.V. in Kooperation mit dem Herbert‐Wehner‐Bildungswerk veranstaltet. Ziel der Umfrage war es, eine Momentaufnahme des Russlandbilds der Deutschen zu erhalten, und zwar speziell vor dem Hintergrund, ob Russland als zuverlässiger Partner bei der Energieversorgung Deutschlands wahrgenommen wird. Teilnehmer der vor einigen Monaten durchgeführten repräsentativen Umfrage waren etwa 1.000 nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Personen über 18 Jahre, zum überwiegenden Teil ohne persönliche Russlanderfahrung.
Doch zurück zu den oben genannten Aussagen. Auch wenn sie etwas tradiert anmuten, klingen sie im Großen und Ganzen durchaus wohlwollend. Und in der Tat: Nur jeder Fünfte bezeichnete sein persönliches Bild von Russland als negativ. Erstaunlicherweise befanden jedoch 45 Prozent der Bundesbürger, dass die Deutschen insgesamt ein negatives Russlandbild haben. Nur 19 Prozent der Befragten hingegen vermuteten, dass die Russen ein ähnlich negatives Gesamtbild von den Deutschen haben. Vielmehr glaubt eine satte Mehrheit von über 80 Prozent, dass die Russen mit den Deutschen vor allem Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Friedensliebe und Bildung verbinden.
So verbesserungswürdig die Russland‐Wahrnehmung auf deutscher Seite noch ist, so hat sich seit der Vergleichsstudie aus dem Jahre 2000 Prof. Güllner zufolge schon Einiges getan. Der Anteil jener Deutschen, denen zum Thema Russland spontan Chaos, Anarchie, Armut, Elend und Korruption einfallen, ist seither enorm gesunken – wenngleich soziale Ungleichheit (90 Prozent) und Machtbewusstsein (87 Prozent) immer noch hohe Nennungen aufwiesen. Auch die Sorge um die Sicherheit der Erdgas‐Lieferungen, welche zum Jahreswechsel 2006/2007 ein großes Thema waren, spielte bereits im Herbst 2007 eine viel geringere Rolle. Und: Immerhin 56 Prozent der Befragten schätzten bei der jüngsten Befragung die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland als gut oder sehr gut ein, während 39 Prozent der gegenteiligen Auffassung waren. Nichtsdestoweniger gab es auch schon bessere Zeiten – 2006 beispielsweise hielten noch 71 Prozent der Befragten das Verhältnis für gut bis sehr gut.
Trotz der etwas abgeflauten Beziehungen sahen die Befragten in Russland nach wie vor einen zuverlässigen Partner für die Erdgaslieferungen – laut Güllners Einschätzung ein bemerkenswertes Phänomen. Mehr noch: Weit verbreitet sei auch die Auffassung, dass die Kooperation im Energiebereich auch die politische Zusammenarbeit befördern wird. Auch die Ostseepipeline wurde mit Blick auf die Energiesicherheit positiv bewertet. Interessant war in diesem Zusammenhang zudem das Umfragedetail, dass Anhänger aller Parteien Gerhard Schröders postkanzlerisches Engagement im deutsch‐russischen Pipelinebau nach seinem vollständigen Abschied aus der Politik befürworten.
Neben den bereits genannten Punkten behandelte Prof. Güllners Vortrag eine Vielzahl weiterer allgemeiner und spezieller Fragestellungen. Besonders instruktiv war, dass im Verlaufe des Vortrags auch auf Stimmungstrends eingegangen wurde, die vermutlich auf die Regierungswechsel in Deutschland und Russland zurückzuführen sind sowie andere einschneidende Ereignisse (wie zum Beispiel die Querelen bei den Gaslieferungen sowie die kriegerischen Auseinandersetzungen in Tschetschenien und Georgien).
Diverse Punkte wurden von den wie immer gut informierten und sehr interessierten Besuchern im abschließenden Frageteil aufgegriffen. So unterstützte ein Gast mit eigenen Eindrücken das Untersuchungsergebnis, wonach das derzeitige Russlandbild überwiegend von Vorurteilen geprägt sei – eine Sichtweise, die er mit 84 Prozent der Bundesbürger teilt. (Nur zehn Prozent vermuten, dass das vorherrschende Russlandbild auf sachlichen und fundierten Urteilen beruht.)
Prof. Güllners Fazit: Die Untersuchungen zeigen, dass die Vorstellungen bei Deutschen über Russland und Russen auch lange nach dem Fall des Eisernen Vorhangs noch immer in hohem Maße von Vorurteilen und überholten Stereotypen geprägt werden. Ein Phänomen, das die Umfrageteilnehmer und auch viele Gäste des Abends nicht zuletzt auch der Berichterstattung in den Medien zuschreiben. Immerhin 51 Prozent der Befragten fanden das Thema Russland in den deutschen Medien unterrepräsentiert. Und nur 36 Prozent beurteilten die Berichterstattung als „weitgehend objektiv und zutreffend“.
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