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Putins Demokratur“ – Lesung und Diskussion

Wladimir Putins Persönlichkeit und Politik – beides brannte Focus-Korrespondent Boris Reitschuster derart auf den Nägeln, dass er binnen kurzer Zeit schon sein zweites Buch über den russischen Präsidenten vorlegte. Diesmal: Putins Demokratur. Auf Einladung von dialog e.V. Leipzig und des Herbert-Wehner-Bildungswerks machte er am 12.März in Leipzig Station, um sein Buch im Rahmen der Vortragsreihe „Gedanken über Russland“ dem hiesigen Publikum vorzustellen.

Boris Reitschuster während der Lesung

Boris Reitschuster während der Lesung

Eine Lesung im klassischen Sinne war die Veranstaltung allerdings nicht – vielmehr lieferte Boris Reitschuster von der ersten Minute an ein höchst intensives, frei vorgetragenes Feuerwerk seiner wichtigsten Thesen, untermauert von detaillierten Hintergrundinformationen und persönlich Erlebtem. Trotz des sehr zugespitzten Untertitels Wie der Kreml den Westen das Fürchten lehrt argumentierte Reitschuster mit solider Substanz, viel Herzblut und Engagement sowie – mindestens genauso wichtig – getragen von einem unendlichem Wohlwollen für die russischen Menschen. Die schwierige Gratwanderung, nicht ins Besserwisserische zu verfallen, meisterte er bravourös.

Wie also sieht Reitschuster den gegenwärtigen Stand der russischen Dinge? Zwanzig Jahre nach der Perestroika betrachtet er die Demokratie in Russland als gescheitert. Denn wie zu Sowjetzeiten setze Wladimir Putin auf die „Vertikale der Macht“ . Soll heißen: auf einen allmächtigen Staatsapparat, nationalistische Parolen, die Manipulation von Medien und vor allem auf den Geheimdienst. Die im Kreml herrschende Denkweise à la KGB, kaum verhüllte Großmachtambitionen und die Abhängigkeit des Westens vom russischen Gas und Öl würden Russland zunehmend zum außen- und energiepolitischen Unsicherheitsfaktor machen, so Reitschuster.

Den Boden für die Renaissance des Geheimdienstes im Zuge der Putinschen Präsidentschaft und die sowjetisch anmutenden Methoden und Denkweisen bereitete Reitschusters Analyse zufolge das „Raubrittertum der Jelzin-Ära“ . Dieses habe für Chaos und Ausverkauf der nationalen Ressourcen gestanden. Auf lange Sicht betrachtet besonders verhängnisvoll, bewirkten die Jelzin-Jahre in Russland zudem eine gründliche Diskreditierung des Begriffs Demokratie. So habe sich Reitschusters Einschätzung zufolge sowohl in der Staatsführung als auch in breiten Schichten der Bevölkerung ein sehr eigenwilliges Demokratieverständnis festgesetzt.

Einigermaßen erstaunlich erscheint es, dass Putins Staatsschiff zum Ende seiner zweiten Amtsperiode auf ruhigen Wellen dahinplätschert – im eigenen Lande wie auch international. Verantwortlich hierfür sei vor allem der warme Rückenwind aus dem unerwartet lukrativen Ölgeschäft der letzten Jahre. Er sei sich jedoch sicher, so Reitschuster, dass die Zustimmung vieler Russen für Putin und sein System rapide den Bach runterginge, wenn es möglich wäre, die Machenschaften der Kreml-Lenker und ihrer Seilschaften frei und ungehindert über russische Medien an die Öffentlichkeit zu bringen.

Blick auf das Podium

Blick auf das Podium

Reitschuster ist sich sehr wohl dessen bewusst, dass scharfe Kehrtwendungen in einer solchen Situation nicht funktionieren können. Gleichwohl hält er es für dringend geboten, ein gesundes Verständnis für Recht und Unrecht wieder zum Leben zu erwecken, um Korruption und Machtmissbrauch auf diese Weise schrittweise in die Schranken zu weisen. Als sehr wichtig hierfür sieht er die Herstellung einer größeren Öffentlichkeit und den Einfluss der jungen Generation, die sehr viel mehr als ihre Eltern die Möglichkeit haben, sich im Ausland ein differenziertes Bild zu machen. Auch die Kirche hält Reitschuster für eine potente Kraft, um die Menschen sukzessive aus dem Wertevakuum herauszuführen. Der Vortrag endete somit in einem Fazit, welches trotz der wenig erfreulichen Bestandsaufnahme Auswege aus der gegenwärtigen Lage weist und das die Besucher zu zahlreichen Wortmeldungen und einer lebhaften Diskussion anregte.

Für die dialog-Regionalgruppe Leipzig war die Veranstaltung ein Erfolg: Die 110 Besucher des Abends stellten nicht nur einen neuen Gästerekord auf, sondern ließen dialog e.V. im Nachhinein positive Rückmeldungen zukommen wie zum Beispiel diese: „Ich wollte mich für den wirklich gelungenen Abend bedanken und bin der Meinung, dass Herr Reitschuster, trotz der Tatsache, dass er bereits vieles Niederschmetternde in Russland erlebt hat, dennoch einen ausgewogenen Bericht geliefert hat. Wichtig ist immer, dass man sich seine persönlichen Sympathien erhält, egal welche schlechten Erfahrungen man gemacht hat.

Materialien zum Download
Veranstaltungsbericht im Format PDF