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Ein Ziel für Fortgeschrittene

Experten diskutieren über Russland als Urlaubsland

Russland – ein Urlaubsland? Für Jörg Peters ist das „eigentlich gar keine Frage.“ Beziehungsweise etwas, von dem der gebürtige Schleswig-Holsteiner mittlerweile „ganz komfortabel“ leben kann. Gemeinsam mit seiner Frau betreibt er in Moskau die Agentur „Troika Reisen“, die für deutsche Reiseveranstalter und ihre Kunden touristische Programme und Urlaubsreisen in Russland organisiert. Der Schwerpunkt liege vor allem auf Städtereisen nach Moskau und St. Petersburg, zunehmend seien aber auch die Transsibirische Eisenbahn oder die Schwarzmeerküste gefragt, sagt Peters. Und viele der Besucher, hat der Troika-Chef beobachtet, werden zu Wiederholungstätern: „Wen das Land einmal gepackt hat, der kommt wieder.“ Und bringe in der Regel reichlich Neugier auf das Russland abseits der Metropolen oder des Goldenen Ringes mit. „Darin steckt ein gewaltiges Potenzial“, betont Peters. Es zu heben, sei eine „lohnende, aber anspruchsvolle Aufgabe“.

Das Podium der Veranstaltung

Blick auf das Podium der Veranstaltung.

Mit dieser Diagnose stieß der Reiseprofi bei seinen Mitstreitern auf einhellige Zustimmung. Die Leipziger Regionalgruppe der deutsch-russischen Organisation dialog e.V. hatte diverse Experten zur Podiumsdiskussion in die Industrie- und Handelskammer Leipzig geladen, um die Perspektiven und Potenziale des Urlaubslandes Russland aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln zu beleuchten. Denn im Gegensatz zu Peters engagiertem Plädoyer steht Russland auf der Beliebtheitsskala der deutschen Urlauber ziemlich weit unten. In den Katalogen der großen Reisekonzerne findet es als Zielgebiet überhaupt nicht statt.

Für Julia Riss muss das kein Nachteil sein. Die Touristikexpertin hat ihre Abschlussarbeit an der Fachhochschule Heilbronn der „Positionierung Russlands auf dem deutschen Reisemarkt“ gewidmet. Sie sieht im Gegenteil gerade einen Vorteil darin, dass die Standards und Infrastruktur des modernen Massentourismus noch nicht Einzug gehalten haben. „Die Kulturen unterscheiden sich“, sagt sie. Und gerade dies zu erleben, sei für viele deutsche Reisende ein Argument, öfter wiederzu kommen. Traditionelle Gastfreundschaft, so Riss, binde eben mehr als Bettenburgen und genormte Büffets. Gleichwohl sei durchaus eine „gewisse Professionalisierung“ zu beobachten und auch weiter erforderlich, wenn es darum gehe, die touristischen Potenziale des Landes zu vermarkten. Das große Kulturangebot, die bewegte Geschichte, die geographische, kulturelle und klimatische Vielfalt könnten noch stärker in den Fokus gerückt werden, betont Riss. Damit die Kunden eben nicht nur die Metropolen ansteuern, sondern in Zukunft auch Badeurlaub am Baikalsee, Klettern im Altai-Gebirge oder Wintersport im Kaukasus in Erwägung ziehen. Dass der Weg dorthin nicht nur rein reisetechnisch mitunter noch kompliziert ist, sieht die Touristikexpertin durchaus. „Russland ist ein Ziel für Fortgeschrittene“, sagt sie. Der Reisende müsse sich auf das Land einlassen wollen und „viel Hintergrundwissen“ mitbringen.

Jörg Peters organisiert Reisen nach Rußland

Jörg Peters organisiert Reisen nach Rußland

Das sieht Gennadij Golub ähnlich. Denn nach seiner Beobachtung hat das Reiseland Russland in Deutschland ein „negatives Image, basierend auf Vorurteilen und Klischees“. Schuld daran seien die Medien, moniert der Leipziger Generalkonsul der Russischen Föderation. Sie betonten bei der Berichterstattung über Russland vor allem die negativen Aspekte. „Dabei kommen die meisten Leute, die hinfahren, gutgelaunt zurück.“ Ihre Zahl steige zudem stetig: So habe das Leipziger Konsulat im vergangenen Jahr rund 60 000 Reisegenehmigungen ausgestellt: „Davon waren rund die Hälfte Touristen-Visa“, sagt Golub. Selbst wenn man von dieser Zahl noch die in Deutschland eingebürgerten ehemaligen Staatsbürger abziehe, die mit einem Touristen-Visum Verwandte besuchten, scheine ihm dies ein „beachtlicher Wert“. Offiziell habe Russland 2006 insgesamt rund 9,5 Millionen touristische Besucher aus dem Ausland gezählt, so Golub. Und fast 45 Regionen hätten Anträge gestellt, als Sonderwirtschaftszonen den Tourismus fördern zu können. Jede Definition und jede Statistik habe indes ihre Tücken. „Wer genau ist eigentlich ein Tourist?

Für den Dresdner Ingenieur Frank Fiedler, dessen Verein Baikalplan e.V. mit überwiegend jugendlichen Freiwilligen einen 1800 Kilometer langen Wanderpfad am Baikalsee baut, gehört dazu auch der rucksacktragende Individualreisende. Aus den Erfahrungen der Freiwilligen hat der Verein eine Art Reisehandbuch für die Region entwickelt. Nicht nur deshalb sieht Fiedler in der Hauptstadt Moskau vor allem eine „Durchgangsstation“: Für sich persönlich, weil dort ein weiter Teil der Reise noch vor ihm liegt. Und für die Touristen, die nach einem Einstiegs-Besuch dort vom restlichen Land „gepackt“ werden sollen. Denn dass dies funktionieren kann, Russland also „definitiv ein faszinierendes Reiseland ist“, ist für Fiedler – wie eben auch für Jörg Peters – „gar keine Frage“.

Materialien zum Download
Veranstaltungsbericht im Format PDF